In der Sache vereint – im Geschlecht getrennt. Zur Relevanz geschlechtsspezifischer Selbsthilfe- und Therapieangebote

Seit Januar wurden das Angebot des »Anderen Burnout Cafés«  (ABC) um zwei nach Geschlechtern getrennte Online-Treffs erweitert: Während sich jeden vierten Freitag im Monat von 09:30 bis 11:30 Uhr eine rein weibliche Gruppe digital zusammenfindet, wird männlichen Teilnehmern jeden vierten Montag von 20:00 bis 21:30 Uhr eine Plattform zum Austausch und zur gegenseitigen Unterstützung geboten. Doch ist es wirklich notwendig, geschlechtsgetrennte Gruppen einzuführen? Spalten wir damit nicht, wo gemeinsame Erfahrungen verbinden sollten?

Von Krankheits- und Geschlechtermythen – und der Notwendigkeit ihrer Dekonstruktion

»Der Wahnsinn von Frauen ist weniger ein psychiatrisches oder individuelles als vielmehr ein gesellschaftliches Problem«,1 schreibt Sibylle Duda im Vorwort der Essaysammlung WahnsinnsFrauen, die sie 1992 gemeinsam mit Luise Pusch herausgegeben hat. Während sie jedoch psychische Erkrankungen als Folge patriarchaler Strukturen, die zu »Einschränkung, Beschränkung und Unterdrückung viele[r] Frauen« geführt haben – auch heute noch führen – (man bedenke hier, dass Duda dieses Vorwort in den frühen 1990ern verfasst hat), lässt sich die grundlegend geltend gemachte Annahme, dass sich Geschlecht und Psyche vielerlei Hinsicht nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Diese Annahme gilt zum einen für die medizinische Forschung und Diagnostik, in der der sich seit der Antike die Annahme verfestigt habe, der männliche Körper müsse als Standard gesehen werden, während der weibliche Körper aufgrund seiner anatomischen Differenz als Abweichung begriffen wird. Zum anderen beeinflusst diese tief verankerte Annahme jene Verfahren, in denen über die eigene Krankheit gesprochen wird. 

So werden Männer, Frauen und nicht-binäre Personen in der Kommunikation über ihre Psyche mit ganz unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert. Letztere beide Personengruppen werden häufig aufgrund ihres Geschlechts von der Medizin anders (und anders heißt hier: zu ihrem Nachteil) behandelt werden. In Diskursen um eine geschlechtergerechte Medizin aufgrund seiner Schlagkraft allzu häufig herangezogen wird der Verweis auf die Geschichte des Hysterie-Begriffs (ein seit der Antike existierender Begriff, mit dem bis ins 20. Jahrhundert auf eine Krankheit verwiesen wurde, die es so nicht gibt: die Hysterie, eine Diagnose, die zweckentfremdet wurde, um meist Frauen (wobei auch Männern in wenigen Ausnahmen eine Hysterie diagnostiziert wurde), die sich gesellschaftlichen Normen widersetzten, zu hospitalisieren und zu stigmatisieren. 

Dazu gehört auch, der weibliche Körper und Psyche nicht nur marginalisiert, sondern auch bagatellisiert wird. Ingeborg Bachmann beschreibt, nachdem sie in den frühen 1960er Jahren nach einem »psychischen Zusammenbruch in einer Zürcher Psychiatrie behandelt wurde, dass ihre psychische Verfassung von den behandelnden Ärzten primär an die Frage ihres Alters geknüpft wurde. Die einschneidenden Ereignisse, die sich unmittelbar vor der Einweisung zutrugen – darunter die Trennung von dem Schweizer Autor Max Frisch – kommen nicht zur Sprache, stattdessen stellt man ihren psychischen Zustand in Zusammenhang mit der sexistischen Annahme, ihr »Zusammenbruch« lasse sich als eine Art »Midlife-Crisis« erklären:

»Und jedesmal, wenn die Ärzte und eben dieser Chefarzt mir sagten, das geht vorbei, das kennen wir alles, das geht allen Frauen so, die Mitte dreißig sind, das ist eben das Übliche, und wenn Sie in ein paar Wochen hier herauskommen, dann sind Sie wieder hübsch und so weiter.«2

Auf die in dieser Aussage der Ärzte steckende, gesellschaftlich tief verankerten Muster ausführlich einzugehen, würde an dieser Stelle zu weit führen. Dennoch sollte zumindest kurz darauf hingewiesen werden, dass suggeriert wird, Bachmann gehe es schlecht, weil sie ihrer Jugend beziehungsweise jugendlichen Schönheit nachtrauere. Eine solche Annahme marginalisiert das Leid von Frauen und verkennt dessen komplexe und vielschichtige Ursachen.

»Männer weinen heimlich« oder: make crying masculine (again)

Die Forschung hat sich seit den 1970er Jahren vor allem darauf konzentriert, die Mechanismen zu dekonstruieren, in denen psychisch kranke Frauen aufgrund ihres Geschlechts intersektional stigmatisiert werden – also sowohl aufgrund ihres Geschlechts als auch ihrer Krankheit signifikante Nachteile sowohl in der Gesellschaft als auch in der Behandlung ihrer Krankheiten erfahren. Wie von Duda einleitend verdeutlicht, spielen die gesellschaftlichen Strukturen, in die unser Verständnis von Geschlecht eingebettet ist, eine entscheidende Rolle bei der Aufrechterhaltung dieser Erfahrungen. Zu berücksichtigen gilt dabei, dass die Artikulationsmöglichkeiten von Männern, die an einer psychischen Störung erkrankt sind, von ebendiesen Strukturen limitiert werden – wenn sich ihre Erfahrungen auch anders zeigen: Die gesellschaftlich über Jahrhunderte tradierte Erwartung des »starken« Mannes trägt maßgeblich dazu bei, dass männliche Personen tief verinnerlicht haben, das Zulassen von Gefühlen mit Schwäche gleichzusetzen. Herbert Grönemeyer hat diese Beobachtung radiotauglich in einen Ohrwurm verpackt, wenn er singt (oder mit welchem Verb auch immer man Grönemeyers Lautgebung beschreiben möchte):

»Männer habens schwer, nehmen’s leicht/Außen hart und innen ganz weich/Werd’n als Kind schon auf Mann geeicht/Wann ist ein Mann ein Mann?«3

Geschlechtsspezifische Aspekte in der therapeutischen Praxis

Was Grönemeyer hier satirisch aufgreift, wurde hinreichend wissenschaftlich belegt. Eine 2021 veröffentlichte repräsentative Studie zur psychotherapeutischen Versorgung in Österreich, bei der die Ergebnisse der Befragung von 1909 stationär behandelten Patient*Innen ausgewertet wurden, stellte folgendes heraus: Nicht nur suchten Männer selten psychotherapeutische Angebote auf als Frauen; sie blieben, nahmen sie dann doch Therapieangebote in Anspruch, kürzer in Therapie und nahmen seltener viele Sitzungen in Anspruch. 

Martina Belz betont in einem 2025 veröffentlichten Artikel zu geschlechtsspezifischen Aspekten in der Psychotherapie, dass bereits Therapieprozesse und die Wahrnehmung von Hilfebedarf zwischen Frauen und Männern variieren können. Aus dieser Beobachtung lassen sich folgende Handlungsbedarfe ableiten:

Es zeigt sich, dass bei Männern anders angesetzt werden muss: Zunächst gilt es, die grundsätzliche Hemmschwelle zu senken, therapeutische oder beratende Angebote überhaupt in Anspruch zu nehmen.

Zudem stehen mitunter andere Schwerpunkte und Themen im Vordergrund, die aus geschlechtsspezifischen Sozialisationserfahrungen hervorgehen. Über sensible oder schambesetzte Inhalte fällt es häufig leichter zu sprechen, wenn man sich unter Menschen mit ähnlichen Erfahrungen weiß. Geschlecht ist dabei ein zentraler Faktor, der Zugehörigkeit stiftet und zugleich Abgrenzung erzeugt.4

Crying is for everyone

Um ein noch differenziertes Angebot und vor allem »sichere Räume« zu schaffen, in denen das Sprechen über psychischen Belastungen für die Betroffenen so angenehm wie möglich gemacht wird, strukturiert der Bundesverband Burnout und Depression e.V. die »Anderen Burnout Cafés«  (ABC)  geschlechtsspezifisch. Bisher geht der BBuD von einer binären Geschlechterordnung (also Männern und Frauen) aus; Handlungsbedarf besteht in der Einrichtung von Gruppen für nicht-binäre Personen. 

Es ist wichtig, geschützte Räume zu schaffen – und das bedeutet mitunter auch eine Trennung nach Geschlechtern. Zugleich ist es jedoch entscheidend, im öffentlichen Diskurs sichtbar zu machen, dass diese unterschiedlichen Erfahrungen nebeneinander bestehen, und aktiv gegen bestehende Stigmatisierungen vorzugehen. Denn folgendes sollten wir uns immer wieder ins Bewusstsein rufen: Crying is for everyone!

Mehr Infos zur ABC-Gruppe für Frauen (in der Regel jeden 4. Freitag von 09:30 – 11:30 Uhr via Zoom) findet ihr hier.

Und zur ABC-Gruppe für Männer (in der Regel jeden jeden 4. Montag von 20-21:30 Uhr via Zoom) geht es hier entlang.

  1. Sibylle Duda/Luise F. Pusch: WahnsinnsFrauen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994, S. 7.  ↩︎
  2. Ingeborg Bachmann: ›Male oscuro‹. Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit, in: dies.: Salzburger Bachmann Edition, Bd. 1: Hrsg. von Isolde Schiffermüller und Gabriella Pelloni, München/Berlin: Piper/Suhrkamp 2020 ↩︎
  3. Herbert Grönemeyer. (1984). Männer. Auf: 4630 Bochum. EMI. ↩︎
  4. Vgl. Martina Belz: Geschlechtsspezifische Aspekte in der Psychotherapie, in: Psychotherapie im Dialog 2025, 26 (04), S. 23-28. ↩︎

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