Hilfe durch Selbsthilfe? Zu Möglichkeiten und Grenzen von Selbsthilfeangeboten

Seit mehr als zehn Jahren wird am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf im Rahmen des vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projekts Gesundheitsbezogene Selbsthilfe in Deutschland – Entwicklungen, Wirkungen, Perspektiven (SHILD) das Potenzial von Selbsthilfegruppen für das Gesundheitssystem untersucht. Ausgangsprojekt der Forschung ist gesundheitsbezogener Selbsthilfe eine zentrale Rolle in der Organisation des Gesundheitssystems zuzuschreiben. Auf der Website des UKE heißt es dazu:

»Chronisch Kranke und Menschen mit Behinderung, Menschen mit psychischen Erkrankungen und Problemen oder die Angehörigen von Betroffenen finden in Selbsthilfegruppen Rat und Unterstützung, teilen ihre Probleme und helfen dabei sich und anderen unmittelbar wie mittelbar Betroffenen.«1

Krisenherde gemeinsam minimieren: Das Andere Burnout Café

Der BBuD setzt einen starken Fokus auf die Entwicklung und Durchführung von Selbsthilfeangeboten – speziell für Menschen, die an einer Depression oder einem Burnout erkrankt sind. Die Anderen Burnout Cafés (ABC) haben sich inzwischen in über 15 deutschen Städten sowie als Onlineangebot etabliert.
Selbsthilfegruppen wie die ABCs des BBuD bieten Betroffenen ein Angebot, über ihre psychische Erkrankung sprechen zu können. Die ABCs haben sich zudem darauf spezialisiert, eine ›schnelle‹ Entlastung für die Teilnehmenden zu schaffen: Teilnehmende identifizieren Themen, die sie akut belasten, zu denen im ABC passende Übungen angeboten werden.

Im Rahmen des Projekts SHILD wird jedoch nicht nur die bereichernde Kraft von Selbsthilfeangeboten herausgestellt, sondern auch deren mögliche Herausforderungen fokussiert. »Aus gesundheitspolitischer Perspektive«, heißt es auf der Website des UKE, stelle »sich häufig die Fragen, was die Selbsthilfe leisten kann«.2 

»Hey ChatGPT, ich glaube, ich bin krank…«

Diese Frage gewinnt vor allem dann an Bedeutung, wenn Betroffene Selbsthilfeangebote nicht ergänzend zu psychotherapeutischen Maßnahmen, sondern an deren Stelle nutzen. Die bei vielen Betroffenen zu beobachtende Tendenz, Therapie mit Selbsthilfe ersetzen zu wollen, hat in den letzten Jahren zugenommen – nicht zuletzt aufgrund des stark gewachsenen Angebots: Podcasts, Apps, Selbsthilfebücher und nicht zuletzt KI-gestützte Anwendungen haben in den letzten Jahren den Markt erobert.
Für diese Entwicklung verantwortlich gemacht werden kann unter anderem der Umstand, dass entsprechende Angebote deutlich leichter zugänglich sind als eine Psychotherapie: Die Suche nach geeigneten Therapeut*Innen, lange Wartezeiten sowie die Hürde, mit fremden Menschen über sensible, stigmatisierte und mitunter schambesetzte Themen zu sprechen, entfallen dabei.
Hinzu kommt, wie der Psychologe Bertolt Meyer in einer Reportage der ARD hervorhebt: Das deutsche Gesundheitssystem ist mit einem Mangel an Therapieplätzen konfrontiert.

»Jedes Jahr werden in Deutschland ungefähr 27-28 Prozent der Menschen psychisch krank. Davon begeben sich aber nur 20 Prozent auch in professionelle Hilfe, machen eine Psychotherapie. Und diejenigen, die eine Diagnose gestellt bekommen, müssen im Schnitt über 140 Tage auf einen Therapieplatz warten.«3 

Aufgrund ihrer sofortigen und niedrigschwelligen Verfügbarkeit stellen standardgenerative Sprachmodelle wie ChatGPT eine vermeintliche Alternative zu psychotherapeutischen Angeboten dar. Doch dafür eignen sie sich eigentlich nicht, stellt Meyer heraus. Schließlich handle es sich bei ihnen um Systeme, die nicht darauf ausgelegt sind, die Rolle von Psychotherapeut*Innen einzunehmen. Dafür lassen sich verschiedene Argumente anführen: Zum einen verfügen sprachgenerative Systeme selbst bei guten Prompts nicht über ein ausreichendes Datentraining, um angemessen auf die spezifischen Bedürfnisse psychisch erkrankter Menschen einzugehen. Das liegt vor allem daran, dass Patient*Innendaten als hochsensibel gelten und nicht zum Training von KI-Systemen verwendet werden können. Zum anderen fehlt das menschliche Gegenüber, das die Bandbreite menschlicher Emotionen erfassen und beim Gegenüber auch Mimik, Gestik und andere nonverbale Signale lesen kann, um ein umfassendes Bild seines Zustands zu gewinnen. 

»Sie sprechen mit LENA« oder: Wenn menschliche Kapazitäten nicht reichen

Auch der BBuD hat im letzten Jahr bekannt gegeben, dass mit LENA (Lösungsorientierte Empathische Navigations-Assistentin) eine künstliche Intelligenz das Angebot des BBuD ergänzen soll. LENA wird mit Anrufer*Innen der Telefonseelsorge sprechen, wenn diese nicht von ehrenamtlichen Mitarbeitenden besetzt ist. LENA wird zudem dazu in der Lage sein, mit Anrufer*Innen einen Dialog zu führen und auf Hilfsangebote hinweisen – ohne dabei jedoch Ratschläge oder konkrete Handlungsanweisungen zu erteilen.

Ein Angebot mit Zukunftsperspektive: Was Selbsthilfe leisten kann

Die Vielfalt von Selbsthilfeangeboten, die sich in den letzten Jahren etabliert haben, bietet grundsätzlich das Potenzial das Gesundheitssystem zu bereichern. Apps, Podcasts, Literatur, Selbsthilfegruppen und KI-Angebote können eine fruchtbare Ergänzung zu psychotherapeutischen Maßnahmen darstellen: Selbsthilfegruppen bieten eine Community und ermöglichen den direkten Austausch mit anderen Betroffenen. Und auch die Nutzung von Sprachmodellen birgt, wenn diese richtig eingesetzt werden, das Potenzial produktiv eingesetzt zu werden. So wird LENA, die vom BBuD eingesetzte KI ein kurzes Gespräch bestreiten können, wenn ein Gespräch mit einem Menschen am Hilfetelefon gerade nicht möglich ist.
Dass Selbsthilfeangebote in ihrer Vielfalt in den Fokus rücken, wird ein Thema sein, dass das Gesundheitssystem auch in den kommenden Jahren intensiv begleiten wird. Und das ist keinesfalls ausschließlich negativ zu bewerten: Britta, die für einen im März dieses Jahres in der ZEIT erschienenen Artikel über Selbsthilfe bei psychischen Erkrankungen begleitet wurde und eigentlich anders heißt, sagt über ihre Nutzung von Selbsthilfeangeboten: »›Ich weiß nicht, wo ich heute ohne meine Bücher wäre, ohne die Podcasts und Apps.‹ Und zaghaft, nach einer Pause: ›Ich denke, es ginge mir viel schlechter.‹«4

So wertvoll Selbsthilfeangebote für Betroffene wie Britta (Name von der Redaktion geändert) jedoch auch sind, sollte gleichzeitig betont werden, dass diese stets als Ergänzung zu psychotherapeutischen Angeboten gesehen werden sollten – niemals als Ersatz.


  1. https://www.uke.de/extern/shild/hintergrund.html (zuletzt abgerufen am 21.04.2026). ↩︎
  2. Ebd. ↩︎
  3. »Ich werde von einer KI therapiert«. 2025, MDR. URL: https://www.ardmediathek.de/film/ich-werde-von-einer-ki-therapiert/Y3JpZDovL21kci5kZS9zZW5kZXJlaWhlbi8yNmM0MTU5Ny04MmQyLTRhMmQtYjdlYS00NDM3OGQzYzI0YTYvNWU5NWJhMDktYTZjMC00YjgxLTlkOGMtNTJhOWJjY2FiZjQ5 (zuletzt abgerufen am 21.04.2026). ↩︎
  4. Kaluza, Anaïs: Selbsthilfe bei psychischen Erkrankungen: Aus eigener Kraft. In: Die Zeit 13/2026. ↩︎

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