Wenn der zweite Herzschlag fehlt

Ab jetzt jeden Monat ein Kapitel, ein Teil der Geschichte. Bleib dran, folge der Geschichte und hab den Mut, deine eigene zu erzählen. Diese Geschichte wird dir zeigen, wie es anderen ergeht, und dich dazu anleiten, deine eigene Story zu erzählen.

Kapitel 3
Struktur und Schatten

Sein Finger kreiste über der Tastatur, leider hatte er es nie gelernt, mit allen Fingern und beiden Händen zu schreiben. Selbstironisch nannte er seine Schreibweise „Ein-Finger-Such-System, Modell kreisender Adler“. Aber zumindest war seine Schreibblockade beendet. Zeile für Zeile wuchs sein Buch, sein ganzes Wissen, das er sich übers Schreiben die letzte Zeit angeeignet hatte, konnte er nun umsetzen.

Der Aufbau eines Buches war ihm ins Blut übergegangen. Lernt man doch schon in der Schule, dass eine Geschichte eine Einleitung, einen Hauptteil und ein Ende benötigt, ist es beim Buch doch etwas anders. Er wusste alles über die Bedeutung des Vorwortes, des Prologes, der Kapitel und des Epiloges. Dies alles war nötig, um einem Buch Struktur zu verleihen.

Ja, Struktur. Struktur war generell wichtig im Leben. Er hatte sich seinen Alltag mit vielerlei kleinen Ritualen strukturiert, sei es, das Frühstück in aller Ruhe zu genießen oder den Spaziergang bei Sonnenaufgang. Ohne Struktur kommt man zu viel ins Grübeln, was jetzt nicht per se schlecht war, aber gerade bei Menschen wie ihm, der zu Depressionen neigte, schnell zu Zweifeln an sich und allem, was er tat, führen konnte. Über all das zu schreiben fiel ihm auch bedeutend schwerer, als er dachte. Zwar empfand er es einerseits schon als befreiend, es niederzuschreiben, aber sich mit seinen eigenen Problemen und Defiziten so auseinanderzusetzen, forderte auch sehr viel Kraft und mentale Stabilität. Alles so zu schreiben, wie es ist, und nicht, wie man es gerne hätte, war sehr schwierig.

Gerade als er über seine Depressionen schrieb. Er empfand Depressionen als etwas im Inneren seines Körpers, etwas wie ein zweites Ich, wollte er die Depression als etwas wie einen Werwolf in sich beschreiben. Das wäre jedoch falsch, und er merkte es selbst noch beim Schreiben. Ein Werwolf wäre, so schlimm es auch wäre, ja etwas, das ihm Kraft und Tatendrang bringen würde, doch es war nicht mal ein kleiner, ganz dürrer Werwolf in ihm. Es ist mehr wie ein Schatten, der jeden Funken Hoffnung und jede Idee in sich begrub und nicht wieder hergeben wollte. Vielleicht könnte man es noch als emotionalen Bandwurm bezeichnen, der dir jegliche Motivation und Tatkraft raubt.

Das Einzige, was er jedoch sicher wusste, war, dass eine Depression ein ständiger Begleiter war, der jederzeit wieder ausbrechen konnte. Sein eigenes Mittel dagegen war es, einfach so viel wie möglich zu tun, um der Depression keine Zeit zu geben, wieder die Oberhand zu bekommen, was gerade durch die Tatsache, dass er sich so einsam fühlte, wirklich schwierig war.

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