Ab jetzt jeden Monat ein Kapitel, ein Teil der Geschichte. Bleib dran, folge der Geschichte und hab den Mut, deine eigene zu erzählen. Diese Geschichte wird dir zeigen, wie es anderen ergeht, und dich dazu anleiten, deine eigene Story zu erzählen.
Inhaltswarnung: Dieser Text erwähnt Depressionen und Suizidversuche.
Kapitel 2
Vergangenheit
Noch immer saß er vor dem PC und versuchte, seine Gedanken zu sortieren. Aber noch immer dominierte der Gedanke an die Worte der Psychologin: „Zu nett.“ Wieso sollte er unhöflich sein? Was ist das für eine Welt, in der du nicht attraktiv bist, weil du zu nett bist? Seine ganze Vergangenheit sollte doch zeigen, dass er ein echter Kerl ist.
Er war Soldat, ganze vier Jahre lang, war als Fernfahrer unterwegs und sogar ausgewandert war er mal. Okay, kann man es als Auswandern bezeichnen, wenn man nur in den Niederlanden war, oder musste es schon so richtig weit weg sein? Ach ja, dort hatte er im Schlachthof gearbeitet. Waren das nicht alles echte Jobs für ganze Kerle? Wieso also sollte er unfreundlich sein, damit Frauen ihn lieben, oder sich aufführen wie einer dieser Machos? Er hatte diese Typen oft genug erlebt und konnte Frauen nicht verstehen, die auf solche Windbeutel standen, denn das sind die meisten. Sind sie alleine oder treffen sie auf echten Widerstand, sind sie die größten Feiglinge. Er hat viel erlebt, viele Situationen erlebt, in denen er bewiesen hat, dass Verlass auf ihn war.
Nur weil man freundlich ist, ist man doch nicht schwach. Damals, als er dieses Gespräch mit der Psychologin führte, war er depressiv, hatte Suizidversuche hinter sich und bekam dann noch zu hören, er sei zu nett. Eine andere Psychologin gab ihm sogar den Rat, er solle versuchen, mit mehreren Frauen etwas anzufangen und dann die beste auszuwählen. Das aus dem Munde einer Frau. Für ihn sind Treue und Verlässlichkeit auf beiden Seiten wichtig. Er mochte es harmonisch, Stress hatte er schon genug in seinem Leben. Der Rat war ja auch schon deshalb so bekloppt, weil er ja bereits Schwierigkeiten hatte, überhaupt eine Beziehung zu bekommen.
Die Depressionen damals führte er ja nicht einmal so direkt auf seine Liebesprobleme zurück. Er fühlte sich müde, antriebslos und ja, auch irgendwie wertlos. Er hatte einfach keine Energie. Einfach für nichts. Selbst Dinge, die er immer mochte, waren ihm zu viel. Die Ärzte konnten nichts Körperliches finden. Er wechselte einige Male den Arzt, aber es war immer dasselbe. Der Punkt kam, an dem er sich schon fast eine schlimme Krankheit gewünscht hatte, einfach nur, um eine Diagnose zu haben. Doch niemand sagte, er sei depressiv. Er hörte jedoch immer häufiger, es könnte psychosomatisch sein, was bei ihm jedoch ankam, als sei er ein Hypochonder.
Erst mit dem ersten Suizidversuch kam die Diagnose schwere Depression. Doch dauerte es noch lange, bis er es akzeptieren konnte. Der Aufenthalt in der Klinik half ihm da auch nicht wirklich. Mit Medikamenten hat er es nicht so, und die Probleme der anderen Patienten belasteten ihn noch zusätzlich.


