Was hat Gewaltfreie Kommunikation mit psychischer Gesundheit, Burnout oder Depression zu tun? Psychische Belastungen können es erschweren, eigene Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen wahrzunehmen oder anderen gegenüber auszudrücken. Gewaltfreie Kommunikation kann dabei einen Rahmen bieten, um genauer hinzuhören – bei uns selbst und bei anderen.
Vor Kurzem nahm ich an einem Workshop teil, der sich mit dem Thema „Umgang mit Konflikten und schwierigen Situationen auf Grundlage der Gewaltfreien Kommunikation“ (GFK) beschäftigte. Seitdem beschäftigt mich ein Gedanke besonders:
Was würde sich im Alltag verändern, wenn wir nicht zuerst bewerten, was ein Mensch tut, sondern stattdessen versuchen, den Hintergrund ihres Verhaltens zu erfassen?
Die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg lädt dazu ein, Beobachtung und Bewertung voneinander zu unterscheiden, Gefühle wahrzunehmen, Bedürfnisse zu erkennen und konkrete Bitten zu formulieren. Ein wichtiger Aspekt ist dabei auch Empathie: zuzuhören, ohne das Gegenüber sofort zu analysieren, zu korrigieren oder Probleme lösen zu wollen. In kleinen Gruppen hatten wir Sprechrollen von ca. 2-15 Minuten und die andere Person durfte zunächst nur zuhören. Mir fiel auf, dass ich anfangs damit beschäftigt war, mir direkt eine Antwort auf das Gesagte zu überlegen oder Lösungsstrategien für genannte Probleme gedanklich vorzuformulieren. Gleichzeitig war die Selbsterfahrung, 3 Tage das Gefühl zu erhalten, wirklich gehört zu werden, sehr wertvoll für alle Beteiligten.
Hinter Verhalten steckt mehr, als wir sehen
Menschen zeigen Überforderung nicht auf dieselbe Weise. Die eine Person zieht sich zurück, der andere wird gereizt, jemand anderes funktioniert scheinbar nach außen perfekt und bricht vielleicht später zusammen. Im Alltag bewerten wir solches Verhalten jedoch häufig schnell: als unzuverlässig, unhöflich, schwierig, unflexibel oder überempfindlich. Die Gewaltfreie Kommunikation vermittelt, dass hinter einem Verhalten Bedürfnisse wie Sicherheit, Struktur, Ruhe, Unterstützung, Zugehörigkeit oder Selbstbestimmung stehen können.
Ein Perspektivwechsel könnte deshalb bedeuten:
- „unzuverlässig“ → vielleicht Überforderung oder ein Bedürfnis nach Struktur
- „unhöflich“ → vielleicht eine andere Kommunikationsweise
- „überempfindlich“ → möglicherweise eine hohe sensorische oder emotionale Belastung
- „zieht sich zurück“ → vielleicht ein Bedürfnis nach Ruhe und Regulation
Das bedeutet nicht, jedes Verhalten zu entschuldigen. Es bedeutet, neugierig zu bleiben, bevor wir urteilen.
Kommunikation kann Sicherheit schaffen
Unsere Art zu kommunizieren beeinflusst, ob Menschen sich gesehen, verstanden und sicher fühlen. Kritik kann beispielsweise dazu führen, dass wir die Schuld nach innen richten: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ oder nach außen: „Mit dir stimmt etwas nicht.“ Die Gewaltfreie Kommunikation schlägt eine andere Perspektive vor (Modell der Wolfs- und Giraffensprache):
Was löst das gerade in mir aus? Was brauche ich? Und was könnte beim anderen dahinterstehen?
Empathie bedeutet dabei nicht, für andere Probleme zu lösen. Es geht vielmehr darum, präsent zu sein, zuzuhören und dem Gegenüber zu folgen.
Auch ein ,,Nein” gehört dazu. Ein ,,Nein” muss nicht automatisch Ablehnung bedeuten. Es kann Ausdruck eines Bedürfnisses nach Ruhe, Erholung, Selbstbestimmung oder einer Grenze sein. Die Frage ist dann nicht nur: „Warum sagt diese Person ,,Nein”?“, sondern auch: „Was braucht sie gerade – und welche Alternative ist möglich?“
Neurodivergenz mitdenken: Kommunikation aus einer anderen Perspektive
Unterschiedliche Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Verarbeitungsweisen können dazu führen, dass Menschen sich gegenseitig missverstehen. Kommunikation scheitert nicht zwangsläufig an einem vermeintlichen Defizit der neurodivergenten Person. Auch die Umgebung kann lernen, andere Kommunikationsweisen besser zu verstehen und Rahmenbedingungen anzupassen.
Damit verschiebt sich eine wichtige Frage: „Wie bringen wir diese Person dazu, sich unserem Kommunikationsstil anzupassen?“
Hin zu: „Welche Bedingungen ermöglichen es dieser Person, sich auf ihre Weise einzubringen?“
Das kann bedeuten, Rückzug nicht vorschnell als Desinteresse zu interpretieren, direkte Kommunikation nicht automatisch als Unhöflichkeit zu verstehen oder scheinbare Unflexibilität auch als Bedürfnis nach Vorhersehbarkeit zu betrachten.
Die wichtigsten Impulse auf einen Blick
1. Hinter Verhalten steckt mehr als das, was wir sehen.
Wir können versuchen, neugierig zu bleiben, statt vorschnell zu bewerten.
2. Bedürfnisse ernst zu nehmen ist auch Gesundheitsvorsorge.
Sicherheit, Erholung, Zugehörigkeit, Struktur, Wertschätzung und Selbstbestimmung sind keine Luxusbedürfnisse.
3. Gute Kommunikation bedeutet nicht, dass alle gleich kommunizieren müssen.
Wir können damit beginnen, anderen zuzuhören und dabei unterschiedliche Bedürfnisse und Kommunikationsweisen zu berücksichtigen.
Prävention beginnt auch damit, wie wir miteinander umgehen. Aus meiner Sicht gehört dazu auch, unterschiedliche Wahrnehmungen, Kommunikationsweisen und Formen von Belastung mitzudenken.
Wie verändert sich unser Blick auf Menschen, wenn wir anfangen hinter ihrem Verhalten einen Menschen mit Gefühlen und Bedürfnissen zu erkennen?
Quelle: Marshall B. Rosenberg, Gewaltfreie Kommunikation – Eine Sprache des Lebens, 2016


