Wenn die Rede vom „digitalen Zeitalter“ ist, ist damit vieles gemeint: Instagram und TikTok sind längst zu Alltagsinstrumenten vieler Menschen geworden, ein großer Teil der zwischenmenschlichen Kommunikation erfolgt über Messengerdienste und das Geburtstagsgeschenk für die Eltern oder ein*e FreundIn wird nochmal schnell online bestellt. Die Digitalisierung unseres Alltags hat auch auf die Organisation der medizinischen Versorgung übergegriffen: Seit 2025 bündelt die „elektronische Patientenakte“ alle Daten, die die Krankheitshistorie eines*einer Patient*In betreffen. Und wer einen Termin bucht oder auf der Suche nach einer neuen ärztlichen Praxis ist, der ruft längst nicht mehr eine lange Liste von Praxen an, die im Telefonbuch verzeichnet sind, sondern schaut auf Portalen wie Doctolib.
So einfach die Theorie, doch die Praxis zeigt: Die Suche nach Ärzt*Innen, vor allem dann, wenn man nicht seit Jahren Patient*In ist, gestaltet sich häufig schwierig – und das nicht nur in städtischen Räumen. Die Differenzierung zwischen privat und gesetzlich Versicherten verstärkt häufig bestehende Unterschiede und trägt dazu bei, dass vor allem gesetzlich Versicherte in vielen Fällen verwehrt wird, zeitnah Zugang zu medizinischen Versorgungsangeboten zu erhalten.
Das gilt zwar für die meisten Fachrichtungen, besonders erschwerte Bedingungen haben jedoch diejenigen, die auf der Suche nach psychotherapeutischen Angeboten sind. Fehlende Therapieplätze, Stigmatisierungen, mit denen psychisch Kranke sich bis heute in vielen Bereichen ihres Lebens konfrontiert sehen sowie die Schwierigkeit, etwa während einer Depression eigenständig Praxen zu kontaktieren, erschweren den Zugang zu einer Therapie zusätzlich. So dauert es laut einer Recherche des NDR aus dem Jahr 2024 in Niedersachsen durchschnittlich sechs Monate, um einen Therapieplatz zu finden.[1]
Einen etwas hoffnungsvolleren Blick lieferte ein im selben Jahr vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) finanzierte Befragung von insgesamt 2.200 Therapiesuchenden gepaart mit Krankenkassendaten, der zufolge mehr als 90 Prozent aller Befragten, die einen Therapieplatz suchen, bereits nach drei Monaten ein Erstgespräch führen konnten.[2]
Dass jedoch das Erstgespräch nicht immer zum erfolgreichen Beginn einer Therapie führt, verdeutlichen Susanne Singer, Lena Maier, Anke Paserat et al., die Veränderungen der Wartezeiten auf einen Psychotherapieplatz vor und nach der Psychotherapiestrukturreform im Jahr 2017, die genau diesem Engpass entgegenwirken sollte, untersucht haben. Neben Fällen, in denen „keine Indikation für eine ambulante Psychotherapie gegeben war“, nennen sie unter anderem als Gründe für eine nicht begonnene Behandlung nach dem Erstgespräch, dass keine Kapazitäten seitens des*der Therapeut*In vorhanden waren oder dass Patient*Innen die Behandlung ablehnten[3] – eine psychotherapeutische Behandlung basiert schließlich nicht nur auf medizinischem Fachwissen, sondern auch auf einem gegenseitigen Vertrauensverhältnis, das nicht in jeder Therapeut*In-Patient*In-Beziehung gegeben ist oder aufgebaut werden kann.
Auf die optimierungsbedürftige medizinische Versorgungslage reagiert die Kassenärztliche Bundesvereinigung mit dem Patientenservice: Das Angebot umfasst neben einer rundum die Uhr erreichbaren, kostenlosen Gesprächshotline, die als ärztlicher Bereitschaftsdienst fungiert, einen Ärzt:innennavigator, der über die nächstgelegene Praxis informiert. Bemerkenswert ist, dass dabei auch psychotherapeutische Versorgungsangebote berücksichtigt werden. Zudem stellt der Patientenservice eine Checkliste bereit, die erläutert, wie sich ein Therapieplatz finden lässt.
Die Hemmschwelle, den Patientenservice in Anspruch zu nehmen, wird durch einen einfachen Kniff zu senken versucht: Hier spricht man nicht mit einem*einer womöglich gestressten Angestellten, die zwischen Patient*Innenaufnahme und Telefonanrufen jongliert. Die 116117 referenziert auf sich als die „Nummer mit den Elfen“ – und wer wollte nicht schon einmal mit einer waschechten Elfe sprechen?
Wer trotz dessen lieber schriftlich kommunizieren möchte, kann das „Patienten-Navi“ nutzen, eine Künstliche Intelligenz, der durch eine Abfrage der Symptome dabei helfen kann, die Dringlichkeit einer Behandlung einzuschätzen und Hinweise zu geben, an welchen medizinischen Dienst sich Nutzer:innen wenden können. Neben überwiegend somatischen Symptomen fragt das „Patienten-Navi“ auch Anzeichen einer psychischen Störung ab.
Der Patientenservice wird die bestehende Versorgungslücke nicht vollständig schließen können. Er stellt jedoch eine niedrigschwellige, leicht zugängliche Maßnahme dar, die für viele Menschen eine erste Orientierung bieten und den oft langen Weg zu einem Therapieplatz erleichtern kann.
Zur Website des Patientenservices gelangt ihr hier.


