Beim diesjährigen Kongress des DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) stand „Der Mensch im Mittelpunkt“: Fokussiert wurden Perspektiven auf eine „regionale, personenzentrierte Versorgung“ – so das Leitthema der diesjährigen Veranstaltung, die vom 26. bis zum 29. November 2025 im CityCube in Berlin stattfand. Mitglieder der DGPPN konnten zudem zahlreiche Symposien, Vorträge und Diskussionen online verfolgen. Die DGPPN zeigt, dass sie durch den Einsatz digitaler Werkzeuge in die Zukunft schreitet; zugleich wurde sich in die Vergangenheit zurückgewendet. Der diesjährige Kongress stand auch im Zeichen eines Meilensteines der Psychiatriegeschichte des 20. Jahrhunderts: der Psychiatrie-Enquête, die in diesem Jahr ihr fünfzigjähriges Bestehen erreicht.
Gleichwohl der BBuD e.V. in diesem Jahr bedauerlicherweise nicht auf dem DGPPN-Kongress vertreten sein konnte, möchten wir das Jubiläum zum Anlass nehmen, den Blick auf dieses bedeutende psychiatriegeschichtliche Ereignis zu richten – nicht zuletzt deshalb, weil die Ergebnisse der Enquête maßgebliche Impulse zur Verbesserung der psychiatrischen Versorgungslage und zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen gesetzt haben. Hierbei handelt es sich um Anliegen, die auch der BBuD e.V. mit seiner Arbeit verfolgt.
Ein Blick zurück: Wege zur Psychiatrie-Enquête
Die Psychiatrie-Enquête zählt zu den bedeutendsten Psychiatriereformen der Bundesrepublik Deutschland. Bis in die 1970er Jahre hinein war die Situation für Menschen mit psychischen Erkrankungen katastrophal: überfüllte Schlafsäle, mangelhafte Hygiene und chronischer Personalmangel. Viele Patient*Innen blieben, einmal in der Psychiatrie untergebracht, über Jahre oder sogar Jahrzehnte dort – oftmals ohne reale Aussicht auf Entlassung.
Maßgeblich angestoßen wurde die breitflächige Reformierung des psychiatrischen Versorgungssystems durch Walter Picard, der von 1965 bis 1983 als Abgeordneter für die CDU im Bundestag saß. Bereits 1967 stand er in Kontakt mit den Psychiatern Caspar Kulenkampff und Heinz Häfner, um etwaige Ideen für eine Reformierung der Psychiatrie zu besprechen. Der finale Anstoß für die Gründung einer Enquête-Kommission wurde jedoch erst drei Jahre später gegeben: Am 17. April 1970 hielt Picard im Namen der CDU-Bundestagsfraktion eine zuvor gemeinsam mit Häfner und Kulenkampff erarbeitete Rede, in der er die Situation psychisch kranker Menschen thematisierte. Diese Rede gab den entscheidenden Anstoß: Bis jedoch ein entsprechender Beschluss gefasst wurde, verging noch ein weiteres Jahr: Erst am 23. Juni 1971 beschloss der Bundestag die Durchführung der Enquête. Die Kommission setzte sich aus 23 berufenen Mitgliedern zusammen, die nahezu alle Berufsgruppen repräsentierten, die an der Versorgung psychisch kranker und behinderter Menschen beteiligt waren. Ergänzt wurde dieses Gremium durch 91 weitere Mitwirkende, die sich in verschiedene Arbeitsgruppen einbrachten.
Der Abschlussbericht wurde am 25. November 1975 vorgelegt. Die darin enthaltenen Empfehlungen umfassten im Wesentlichen den Ausbau eines wohnortnahen, gut koordinierten psychiatrischen Versorgungssystems einschließlich ambulanter Angebote, qualifizierter Fachkräfte, spezialisierter Unterstützung für Kinder, Jugendliche sowie Suchtkranke sowie die rechtliche und soziale Gleichstellung körperlicher und psychischer Störungen. Ab 1980 wurde begonnen, die Ergebnisse der Enquête in der psychiatrischen Praxis zu integrieren und umzusetzen.
Die Psychiatrie-Enquête auf dem DGPPN-Konress
Auf dem diesjährigen DGPPN-Kongress blickte man in dem Symposium 50 Jahre Psychiatrie-Enquete – Ein Aufbruch, der verpflichtet zurück. Unter dem Vorsitz der Medizinerinnen Euphrosyne Gouzolis-Mayfrank und Maike Rotzoll sprachen Michael von Cranach, dessen Arbeit in der Aufarbeitung der NS-Psychiatrie besonders hervorgehoben wurde sowie Andreas Bechdolf und Katharina Stengler. Während Cranach vor allem eine historische Einordnung vornahm, richteten Bechdolf und Spengler ihren Fokus auf das heute, legten den aktuellen Status Quo dar und regten zu einer personen- statt institutionszentrierten Betrachtung der langfristigen Wirkung der Enquête an. Bechdolf weist darauf hin, dass es wichtig ist, die gesellschaftliche Bewusstheit für psychische Krankheit mehr in Bewusstheit und Politik zu heben.
Gleichwohl die Enquête, wie von Cranach es formuliert, „gegen Ende des vorigen Jahrhunderts nach Erfüllung eines Teils oder Großteils ihrer Ziele sanft entschlafen.“ Nichtsdestotrotz wirken die grundlegenden Beobachten der Enquête bis heute nach. Bechdolf beobachtet in der gesellschaftlichen und vor allem medial verhandelten Wahrnehmung psychischer Erkrankungen eine Verschiebung des Diskurses hin zu einem stärkeren Fokus auf forensische Faktoren. Ihm zufolge sei
„die gesellschaftliche Wahrnehmung von psychischen Erkrankungen sehr stark fokussiert auf diesen Gewalt-Aspekt und wir eben auch in dieser gesellschaftlichen Situation, […] wenig Vorbilder für eine solidarische Gesellschaft haben, sondern eher Vorbilder für Ausgrenzung[.]“
Der mediale Fokus auf psychisch kranke Straftäter hat sich in den vergangenen Jahren offenbar intensiviert. Diese Wahrnehmung ist insofern problematisch, als sie der zentralen Zielsetzung der Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen entgegenwirkt. Zusammengefasst bedeutet das: Zwar haben sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Diskurslagen verändert, doch die grundlegende Agenda, die zur Einrichtung der Enquête-Kommission Mitte der 1970er Jahre führte, erweist sich auch heute noch als unverändert relevant.
Angebote des BBuD e.V. zur Verbesserung der Situation psychisch Kranker
Zwar knüpft der BBuD e.V. sein Selbstverständnis und seine Arbeit nicht unmittelbar an die Psychiatrie-Enquête. Dennoch hat diese maßgeblich dazu beigetragen, das politische und gesellschaftliche Klima zu verändern und öffentliche Debatten über die Situation psychisch erkrankter Menschen anzustoßen. In diesem Umfeld bewegen auch wir uns, wenn wir unsere zentralen Ziele verfolgen: psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren und unterstützende Angebote für Betroffene zu schaffen.
Die Erfolge der Psychiatrie-Enquête sowie das Schwerpunktthema des diesjährigen DGPPN-Kongresses spiegeln sich auch in den Aktivitäten und Angeboten des BBuD e.V. wider – wie zum Beispiel im Bestehen des Anderen Burnout Cafés (ABC), einer lösungsorientierten Selbsthilfegruppe, die sich inzwischen in verschiedenen Städten in Deutschland etabliert hat oder im Guided Mystery Café, einem Tool, um sich digital mit einem einem*einer Gesprächspartner*In zu verabreden und auszutauschen. Sofortige Gesprächsangebote liefert darüber hinaus das Lachtelefon, das täglich von neun bis neun kontaktiert werden kann. Außerdem arbeiten wir daran, dass LENA, unser KI-gestütztes Kommunikationsprojekt, kurz für„Lösungsorientierte Empathische Navigations-Assistentin“, bald auf den Weg gebracht wird – dazu hoffentlich bald mehr!
Der BBuD e.V. arbeitet fleißig und mit voller Überzeugung daran, diese Angebote aufrechtzuerhalten, auszubauen und dafür zu sorgen, dass der Mensch im Mittelpunkt steht – heute und in Zukunft!


